Rind und Wir – August 2024

28 August 2024 INFOS aus BRS und vit Holstein als Rasse der Wahl – eine Rasse mit Action Die World Holstein Friesian Federation (WHFF) ist die globale Vereinigung der Holstein-Enthusiasten. Im vergangenen Herbst zur Weltkonferenz in Puy du Fou (FRA) hatte ich mit dem Einführungsvortrag die Ehre, einerseits die Vorteile unserer wundervollen Rasse darzustellen und andererseits auch einige Gedanken zur Verbesserung zu äußern. Die Top-Zuchtlisten zeigen deutlich, dass nur wenige Familien repräsentiert sind und diese in gleich mehreren Ländern sehr stark genutzt werden. Eine kürzlich veröffentlichte WHFF-Studie zeigt alarmierend, dass die Inzuchtgrade mit zunehmender Geschwindigkeit ansteigen und insbesondere durch die genomische Selektion befeuert werden. Was ist also zu tun? Eine große wissenschaftliche Gemeinschaft beschäftigt sich mit der schieren Masse genomischer Daten, wobei das Verstehen von genetischem Fortschritt, die Anpassung an den Klimawandel, und sogar die Kräfte der Evolution selbst im Zusammenhang gesehen werden. Neue Erkenntnisse der Molekularbiologie, der Genregulation und der Dynamik von Populationen werden beeinflussen, wie wir zukünftige Holstein-Zuchtprogramme entwerfen. Die neuen Werkzeuge zur DNA-Untersuchung halfen herauszufinden, dass Hauptverursacher der Unterschiede die Interaktion zwischen Genen ist. Diese Interaktionen kontrollieren das An- und Abschalten von Genen, wieviel Protein tatsächlich kodiert wird und welches die Ziel-Gewebe sind. So hat 70 % des genetischen Fortschritts bei Rindern seine Ursache in Unterschieden in der Genexpression. Auch bei Kühen unterschiedlicher Leistungshöhe können ähnliche Gene vorliegen, die Gene der hochleistenden Kühe interagieren aber effizienter. Unterschiedliche Gen × Gen – Interaktionen erlauben es auch, in verschiedenen Rassen auf hochleistende, fruchtbare und gesunde Kühe zu züchten – allerdings in unterschiedlicher Art und Weise. Genetiker nennen dieses Phänomen genetische Redundanz. Auch innerhalb der Rasse Holstein können wir Redundanz in unseren Zuchtprogrammen nutzen. Eine wichtige Komponente der genetischen Redundanz ist Epistasie (Wechselwirkung zwischen Genen). Dabei kann ein bestimmtes Gen bedingt durch unterschiedliche Genkombinationen in einer Familie einen positiven Effekt haben und einen gegenteiligen Effekt in einer anderen Familie. Aufgrund von Epistasie werden in unterschiedlichen Familien unterschiedliche Genkombinationen selektiert und dies trägt zum Erhalt genetischer Diversität bei. Mit den derzeitigen Zuchtwertschätzmethoden selektieren wir für Gene, welche einen gleichartigen bzw. additiven Effekt über die gesamte Population haben, anstatt für epistatische Kombinationen von Genen. Die Tiere mit dem höchsten Zuchtwert sind Tiere mit der höchsten Summe „guter“ Gene. Daraufhin selektieren wir Nachkommen dieser EliteFamilien, verpaaren sie und dies resultiert in einem Anstieg der Inzucht. Die Kombination der genomischen Selektion mit der Anwendung von gesextem Sperma, Embryotransfer und dem beschränkter gewordenen Zugang zu junger Genetik hat dazu geführt, dass einzelne Zuchtorganisationen und Länder sich genetisch immer stärker unterscheiden. Abb. 1 zeigt die Populationsstruktur der US-Holstein-Population über die Maßzahlen der genetischen Differenzierung (Fst = Maßzahl genetischer Unterschiede zwischen Subpopulationen). Durch die unterschiedliche Fokussierung in den Zuchtprogrammen entsprechen die Unterschiede ca. einem Viertel der genetischen Unterschiede, die man zwischen Milchrinderrassen (0,15) finden kann. Über diese Tendenz hin zur Linienzucht könnten die Züchter dann zwischen den Linien rotieren und weiter einen hohen genetischen Fortschritt realisieren und dabei gleichzeitig die Inzucht in ihrer Herde minimieren und zur genetischen Diversität der gesamten Population beitragen. Unsere künftigen Zuchtstrukturen werden die unterschiedlichen epistatischen Genkombinationen in unterschiedlichen Holsteinlinien besser nutzen können. Die Existenz mehrerer Holsteinlinien muss aber nicht bedeuten, dass wir alle in verschiedene Richtungen gehen. Ganz im Gegenteil. Es bedeutet, dass wir unsere genetischen Ressourcen klüger nutzen sollten. Wieder einmal schauen wir auf neue Erkenntnisse, die uns helfen werden, Zuchtprogramme so anzupassen, dass wir einerseits die Rasse immer weiter verbessern können und andererseits die genetische Diversität auch auf lange Sicht erhalten können. Tom Lawlor, Holstein Association USA (übersetzt von Hermann Swalve, Uni Halle) Abb. 1: Populationsstruktur der US-Holstein-Population im Jahr 2022 Zur Langfassung

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